Impuls zum 24. Sonntag im Jahreskreis

von Gemeindereferentin Judith Zehrer

Kunstprojekt in Blönduós, Island. Foto: Bailey Burton auf Unsplash

 

Lesung aus dem Buch Jesus Sirach      Sir 27,30 – 28,7

27,30 Groll und Zorn, auch diese sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest. 28,1 Wer sich rächt, erfährt Rache vom Herrn; seine Sünden behält er gewiss im Gedächtnis. 2 Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben! 3 Ein Mensch verharrt gegen einen Menschen im Zorn, beim Herrn aber sucht er Heilung? 4 Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner Sünden bittet er um Verzeihung? 5 Er selbst – ein Wesen aus Fleisch, verharrt im Groll. Wer wird seine Sünden vergeben? 6 Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu! 7 Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!

 

Geistlicher Impuls

Das Wort „Vergebung“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Texte dieses Sonntags. Es ist ein Thema, das uns alle betrifft, ausnahmslos. Jedem ist schon einmal Unrecht widerfahren, ob in großem Rahmen oder im Kleinen. Jeder muss im Leben lernen, anderen und auch sich selbst zu vergeben. Und das ist nicht leicht. Jemandem wirklich zu vergeben, kann ein sehr langer Prozess sein.

Vergebung scheitert oft an der Annahme, dadurch nachzugeben oder für nichtig zu erklären, was unrecht ist oder war. Klar, das Unrecht können wir meist nicht beseitigen. Aber darum geht es auch nicht. Was wir tun können, ist, das Unrecht beim anderen zu lassen. Wir dürfen loslassen und uns freimachen von dem, was der andere getan hat. Nicht der andere oder die Tat des anderen bestimmt mein Leben, sondern ich selbst darf ich sein. Und daher passiert Vergebung auch nicht einfach so. Es ist eine innere Bewegung, die ich selbst initiieren muss.

Wie wir in der Lesung von Jesus Sirach lesen, ist Vergebung ganz eng mit Heilung verknüpft. Wenn ich vergebe, dann kann ich Heilung suchen und finden. Andersherum, wenn ich nicht vergebe, kann die Wunde nicht heilen. Sie bleibt offen und tut weh und das mitunter sehr lange. Dadurch schadet sie mir selbst und nicht dem anderen. Wenn ich es aber schaffe, zu vergeben, kann die Wunde heilen und ich bin frei, nicht nur mich verwandeln zu lassen, sondern auch die Beziehung zum anderen heilen und verwandeln zu lassen. Und dabei kann uns Gott helfen.

Ich habe einmal einen Ausschnitt eines Interviews einer Überlebenden der Shoa gesehen. Die alte Dame erzählte, wie sie Jahre nach den grausamen Verbrechen dem Übeltäter wieder begegnete. Sie erzählte unter Tränen, dass sie so sehr versucht hatte, ihm zu vergeben, es ihr aber nicht gelungen sei. Ihr einziger Ausweg, so erzählte sie, war, dass sie Gott darum bat, diesem Menschen zu vergeben. Und er hat es für sie getan. Sie selbst konnte es nicht, aber er hat es für sie getan. Durch sie.

Wenn Gott selbst der größten Unmenschlichkeit, die ein Mensch einem anderen je angetan hat, vergeben kann, was tun wir uns so schwer mit den oft kleinen Streitereien, mit denen wir uns das Leben schwer machen? Und letztendlich ist es so: wir machen uns das Leben schwer. Vielleicht hilft dieser Satz, den ersten Schritt zu tun: Vergebung ändert nicht die Vergangenheit, sie ändert die Zukunft.

Henri J.M. Nouwen schrieb einmal – und besser kann ich es bestimmt nicht zusammenfassen: „Eine der größten Herausforderungen des inneren Lebens ist das Annehmen von Gottes Vergebung. In uns Menschen steckt etwas, das uns an unseren Sünden festhalten lässt; es hält uns davon ab, Gott unsere Vergangenheit tilgen und uns einen völlig neuen Anfang gewähren zu lassen.“

 

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