von Gemeindereferentin Judith Zehrer

Erste Lesung: Jes 49, 3.5–6
Der Herr sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. Jetzt aber hat der Herr gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammelt werde. So wurde ich in den Augen des Herrn geehrt und mein Gott war meine Stärke. Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.
Evangelium: Joh 1, 29–34
In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel offenbart wird. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.
Geistlicher Impuls
Wer ist dieser Jesus?
Nachdem wir am letzten Sonntag gehört haben, wie Jesus von Johannes im Jordan getauft wurde, fragten sich die Menschen, wer dieser neue Prediger ist. Im Evangelium des Johannes hören wir gleich am Anfang die Antwort: Jesus ist das Lamm Gottes, er ist der Sohn Gottes, der, auf den ganz Israel so lange gewartet hat. Er ist der, den Gott mit dem Heiligen Geist gesalbt hat.
Schon lange vor Jesu Geburt lesen wir im Alten Testament, dass der Knecht Gottes kommen wird. Er wird Israel wieder aufrichten, die Stämme zusammenführen und ein glorreiches Königtum auf der Erde errichten. Er ist das Licht, das alle Nationen zu Gott führt. Er ist der Anfang von allem, der alles verändern wird. Was für eine Dimension und was für eine große Hoffnung!
Aber hat Jesus wirklich die Welt gerettet? Ist sie besser geworden durch sein Wirken? Wenn wir uns in der Welt umschauen, sehen wir Krieg, Hass, Mord, Missbrauch, Ausbeutung und Ignoranz. Wir stehen mit der Menschheit heute vermutlich näher am Abgrund als je zuvor.
Was ist unsere Hoffnung? Dass Jesus endlich wiederkommt und uns alle in das Reich Gottes führt? Warum wartet er dann noch?
Ja, Jesus ist gekommen, um die Welt zu retten. Aber er sagt auch, dass sein Königtum nicht von dieser Welt ist. Es ist anders als alles, was wir kennen und uns vorstellen können. Ich glaube daher nicht, dass er in Purpur gekleidet vom Himmel herabkommt, die Herrscher dieser Welt von ihren Thronen stößt und selbst das Zepter in die Hand nimmt.
Jesus hat uns Menschen gerettet, damals und heute, jeden einzelnen von uns. Denn er hat uns eine neue Beziehung zu Gott geschenkt. Eine liebende, tiefe, nahe Gottesbeziehung, die bis ans Ende der Zeiten währt. Gott ist nicht willkürlich oder strafend und er muss nicht durch Opfer besänftigt werden. Gottes Liebe braucht keine Opfer. Sie ist bedingungslos und wird nie mehr brechen.
Jesus hat uns von der Angst der Gottesferne befreit. Von der Angst des Versagens und des Nicht-geliebt-werdens. Er hat uns gezeigt, dass Gott uns an die Hand nimmt und wir mit ihm zusammen soviel mehr sind, als wir uns vorstellen können. Er hat uns von der Illusion befreit, perfekt sein zu müssen. Wir können nicht alles kontrollieren, im Gegenteil: Wir dürfen Kontrolle abgeben. Nur so kann die Beziehung zu Gott in uns wachsen.
Jesus hat uns ein neues Menschsein geschenkt. Er hat uns gezeigt, dass wir Menschen einen göttlichen Funken in uns haben, dass wir ohne Gott nur halbe Menschen wären. Er hat uns das Gefühl der Begrenztheit und der Dunkelheit genommen, damit wir frei werden für seine Liebe. Er erlöst uns von unserem Egozentrismus und weitet unseren Blick auf die Schönheit des anderen.
Ja, Jesus hat die Welt gerettet und erlöst. Er hat uns das Reich Gottes geschenkt. Schon jetzt. Wir tragen es in unseren Herzen. Nirgendwo anders ist es zu finden. Wir sind ein Stück vom Himmel, den er uns gezeigt hat. Das ist das Königtum, das nicht von dieser Welt ist.
Jesus hat uns das Reich Gottes geschenkt. Und wir sind auch nur einen Wimpernschlag davon entfernt. Es ist in dem Augenblick da, in dem wir den Frieden, die Liebe, die Berührung Gottes, die tief in unseren Herzen da ist, wahrnehmen und uns darauf verlassen, dass er durch uns wirkt. Damit können wir nicht beim anderen anfangen, sondern nur bei uns selbst.