Impuls zum 4. Fastensonntag

von Gemeindereferentin Monika Tenambergen

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Evangelium: Johannes 9, 1-41

1 In jener Zeit sah Jesus unterwegs einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. 2 Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde? 3 Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. 4 Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

8 Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9 Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. 10 Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? 11 Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen. 12 Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht.

13 Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. 15 Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich. 16 Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. 17 Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet.

18 Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des von der Blindheit Geheilten 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht? 20 Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. 21 Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen! 22 Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Christus bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. 23 Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst!

24 Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe. 26 Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden? 28 Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. 29 Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. 30 Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. 31 Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. 32 Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. 34 Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. 35 Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?

36 Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube? 37 Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es. 38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. 39 Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden. 40 Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41 Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

 

Impuls

Jedes Mal, wenn ich mich mit einem Abschnitt aus der Bibel intensiver beschäftige, bin ich überrascht und gerate ins Staunen. Je tiefer ich eintauche, desto mehr erschließen sich Zusammenhänge, Hintergründe, Intentionen des Verfassers. Heute ging es mir mit der Erzählung von der Heilung des Blinden am Teich von Schilóach so. Meine neuen Entdeckungen möchte ich gerne mit Ihnen teilen.

Der Evangelist Johannes verortet die Heilung des Blinden an das Ende des Laubhüttenfestes, eines der drei großen jüdischen Pilgerfeste neben Pessach und dem Wochenfest. Und alle drei Feste erinnern auf ihre Weise an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten.

Bei diesem sieben Tage dauernden Fest gab es zwei eindrücklich zelebrierte Rituale: An jedem Morgen der sieben Tage kam eine Prozession von Priestern den Tempelberg hinab, um am Teich von Schilóach Wasser zu schöpfen und wieder zum Tempel hinaufzutragen. Mit dem Wasser wurde ein Ritus um genügend Regen für eine reiche Ernte vollzogen. Das Wasser stammte aus einer Quelle – nicht aus einer Zisterne – und galt deshalb als „lebendiges Wasser“.

Am Abend wurde dann im großen Frauenhof des Tempels ein zweites Zeichen sichtbar: Vier riesige Leuchter wurden entzündet, deren Licht so hell leuchtete, dass es weit über Jerusalem hinaus strahlte.

In diese Szenerie hinein spricht Jesus im Tempel. Am letzten Tag des Festes ruft er: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.“[1] Und kurz darauf erklärt er: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“[2]

Die Menschen waren irritiert, schockiert, erstaunt und wütend: Gerade erst hatten sie das Wassergussritual[3] und das Leuchten über Jerusalem miterlebt, da bezieht Jesus die Bedeutung dieser Zeichen auf sich und beansprucht damit nicht nur eine göttliche Herkunft für sich, sondern sogar Göttlichkeit. Er ist die Quelle für „lebendiges Wasser“, er ist das Licht, nicht nur für Jerusalem, sondern für die Welt. Wen wundert es, dass man ihn aus dem Weg schaffen will?[4]

Um sich vor den Steinwürfen der Juden in Sicherheit zu bringen, verlässt er den Tempel und begegnet dem Blinden, von dessen Heilung uns im heutigen Evangelium berichtet wird. Der Blinde erfährt nun am eigenen Leib die Wahrheit beider Aussagen, die Jesus über sich selbst gemacht hat. Nachdem Jesus seine Augen mit einem Teig aus Speichel und Erde bestrichen hat, schickt er ihn zum Teich Schilóach, also zu dem Teich, aus dem die Priester das Wasser geschöpft hatten. Jetzt erfahren wir, dass Schilóach übersetzt „der Gesandte“ heißt. Auch dies ist eine Anspielung auf die Herkunft Jesu, denn nicht durch das Wasser des Teiches, sondern durch Jesus, den von Gott Gesandten, wird der Blinde geheilt.[5]

Sogleich gerät der Geheilte jedoch in Bedrängnis. Niemand ist da, der sich mit ihm freut, sondern er muss sich erklären, vor seinen Nachbarn, vor den Pharisäern, den Juden. Selbst seine Familie lässt ihn aus Furcht vor den Juden im Stich und redet sich heraus. Dabei werden die Aussagen des Geheilten immer klarer, ähnlich wie wir es am vorigen Sonntag bei der Samariterin am Jakobsbrunnen erlebt haben. Zunächst spricht er von dem Mann, der Jesus heißt, dann von einem Propheten, dann von einem Menschen, der von Gott kommt. Am Schluss des Verhörs verstoßen die Juden den Geheilten aus dem Tempel, ebenso wie sie kurz zuvor Jesus verstoßen hatten.

In den Straßen Jerusalems begegnen sich Jesus und der Geheilte später noch einmal. Da fragt Jesus ihn: „Glaubst du an den Menschensohn?“ Am Ende eines kurzen Gesprächs antwortet der Mann: „Ich glaube, Herr!“ und wirft sich vor Jesus nieder – in einer Haltung der Anbetung, die allein Gott zusteht.

Diese Geschichte hat die Christen schon immer bewegt. In der frühen Kirche wurde die Heilung des Blindgeborenen nach Johannes oft als Taufevangelium gelesen. Menschen, die sich auf die Taufe vorbereiteten, hörten diese Worte in den Wochen vor Ostern. Denn die Taufe wurde als ein Übergang vom Dunkel zum Licht verstanden. Wie der Blinde zum Wasser von Schilóach ging und sehend zurückkam, so stiegen auch die Täuflinge in das Wasser der Taufe hinab und wurden zu einem neuen Leben im Licht Christi geführt.

In dieser Geschichte geht es also in erster Linie nicht um eine Heilung der Augen, sondern um eine Öffnung des Herzens für Jesus Christus. Und in diesem Sinne betrifft sie auch uns ganz persönlich. Wir können und sollten uns fragen: Sind wir wirklich Sehende – oder leben wir mit einem blinden, verstockten Herzen?

[1] Joh 7,37-38

[2] Joh 8,12

[3] Das Ritual heißt auf hebräisch Simchat Beit Hashoevah.

[4] Joh 7,30.44 und Joh 8,59

[5] Joh 9,33

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