Predigt zum 2. Fastensonntag

von Diakon Tobias Riedel

Verheißung an Abraham. Wiener Genesis, 6. Jhd. Foto: Gemeinfrei

Erste Lesung: Genesis 12,1-4a

In jenen Tagen 1 sprach der Herr zu Abram: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! 2 Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. 3 Ich werde segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den werde ich verfluchen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen. 4a Da ging Abram, wie der Herr ihm gesagt hatte.

Predigt

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

In der heutigen ersten Lesung aus dem Buch Genesis begegnet uns Abram. Abram – oder Abraham, wie er später genannt wird – wird oft als ‚Stammvater‘ unseres Glaubens bezeichnet. Und nicht nur als Stammvater unseres christlichen Glaubens, sondern auch des jüdischen und des muslimischen Glaubens. Was bedeutet das eigentlich? Stammen wir alle – Juden, Christen und Muslime – im biologischen Sinne von ihm ab? Wohl kaum! Aber was ist dann gemeint? Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen:

In vielen Religionen der Antike wurden Naturgewalten als Gottheit verehrt. Wir nennen sie deshalb auch Naturreligionen. Es gab einen Sonnen- und einen Mondgott, einen Gott der Vulkane und einen Gott des Meeres. Auch das Schicksal eines Menschen wurde oft mit Verweis auf die Götter gedeutet, so gab es etwa eine Göttin der Liebe und einen Gott des Todes. Ja, mehr noch, das Schicksal ganzer Völker lag in den Händen der Götter: Sieg oder Niederlage im Krieg, eine gute oder schlechte Ernte wurde als Wille der Götter verstanden. All diesen Gottheiten waren die Menschen schutzlos ausgeliefert – das Handeln der Götter war Willkür pur.[1]

Was konnte ein Mensch, ein Volk tun, um die Götter gnädig zu stimmen? Die Antwort war: ihnen Opfer bringen. Natürlich musste es etwas Wertvolles sein: Ein Teil der Ernte, ein junges Tier aus der Herde, schlimmstenfalls der eigene Sohn oder die eigene Tochter. ‚Religion‘ bedeutete damals, mit Hilfe von Opfern zu versuchen, die Götter gnädig zu stimmen. Wir finden dieses Denken im ganzen Vorderen Orient und weit darüber hinaus – bei den Ägyptern und Persern, den Griechen und Römern, den Germanen und Slaven.

Auch das Volk Israel dachte anfangs so. Doch ausgerechnet in der Zeit des Babylonischen Exils[2], in der absoluten Katastrophe, weitete sich das Denken des jüdischen Volkes in bisher unvorstellbarer Weise. Die Gefangenen am Kanal Kebar lernten, neu und viel größer von Gott zu denken als bisher. Es war ein Quantensprung in der Religionsgeschichte. Er vollzog sich in mehreren Schritten:

Am Anfang stand ein ahnendes Staunen: Wie kommt es, dass es die Welt überhaupt gibt – und nicht nicht gibt? Oder individuell gewendet: Wie kommt es, dass es mich überhaupt gibt – und nicht nicht gibt? Das muss doch einen tiefen Grund haben … Die Menschen erkannten, dass es eine einzige große Macht geben muss, die die Welt aus freiem Willen ins Dasein gerufen hat – mich selbst eingeschlossen. Und diese einzige Macht kann nicht selbst Teil der Welt sein, sondern muss ihr gegenüberstehen. Heute markieren wir diesen Unterschied mit den Worten ‚Schöpfer‘ und ‚Schöpfung‘.

Doch diese Erkenntnis hatte Konsequenzen:

Erstens: Wenn diese Macht die Welt aus freiem Willen ins Dasein gerufen hat, dann muss sie die Welt gewollt haben – sonst hätte sie es ja nicht getan! Und das wiederum bedeutet: Sie muss ihr grundsätzlich positiv gegenüberstehen.

Zweitens: Wenn diese Macht Menschen wie dich und mich mit einem Bewusstsein ins Leben gerufen hat, dann kann es keine anonyme Macht sein, kein ‚Etwas‘! Nein, dann hat diese Macht selbst ein Bewusstsein, dann ist es eine personale Macht, ein großer ‚Jemand‘. Schließlich können wir vom Geschöpf nicht kleiner denken als vom Schöpfer … Heute meinen manche Menschen, Gott sei eine Art Energie – doch das ist viel zu klein von ihm gedacht, denn Energie hat kein Bewusstsein.

Und schließlich Drittens: Wenn diese Macht, dieser große ‚Jemand‘, mir positiv gegenübersteht, dann kann ich mich ohne Angst an ihn wenden, vielleicht sogar mit ihm in Kontakt treten. Vielleicht hat er mir etwas zu sagen – und wenn ich darauf antworte, hört er es …

Sie merken: Damals, im babylonischen Exil, entsteht ein ganz neues Gottesbild. Es ist die Geburtsstunde der jüdischen Religion im engeren Sinne. Und dieses neue Gottesbild verlangt nach einem neuen Namen: JHWH. JHWH allein, davon ist Israel seit dem Exil überzeugt, ist es wert, ‚Gott‘ genannt zu werden.

Schon während des Exils, vor allem aber in den Jahrzehnten danach, begannen weise jüdische Gelehrte, dieses neue Gottesbild in Erzählungen festzuhalten. So entstand die Tora – und mit ihr das Buch Genesis. Eine der zentralen Figuren darin ist Abraham. Ob er tatsächlich je gelebt hat, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Doch das ist gar nicht wichtig, denn egal, ob er eine historische oder literarische Figur ist: Er wird uns beschrieben als der Prototyp eines Menschen, der – ganz im Gegensatz zu seiner Umwelt – an JHWH glaubt.

Wenn wir uns heute auf Abraham als unseren ‚Stammvater‘ berufen, ist genau dieses Gottesbild angesprochen:

Auch wir glauben: Gott ist einzig.

Auch wir glauben: Gott ist der Schöpfer der Welt – auch unser Schöpfer.

Auch wir glauben: Gott steht seiner Schöpfung positiv gegenüber.

Auch wir glauben: Gott ist keine anonyme Macht, sondern Person.

Und auch wir glauben: Er hat uns etwas zu sagen – und wir können darauf antworten.

Amen.

[1] In der griechischen Mythologie sind dies die folgenden Götter: Sonne – Apollon; Mond – Artemis; Vulkane – Hephaistos; Meer – Poseidon; Liebe – Aphrodite; Tod – Hades bzw. sein Begleiter Thanatos; Krieg – Ares; Fruchtbarkeit – Demeter.

[2] 587 bis 539 v. Chr.

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