von Pastor Stefan Krinke

Erste Lesung: Apostelgeschichte 2,42-47
42 Die Gläubigen hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. 43 Alle wurden von Furcht ergriffen; und durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. 44 Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. 45 Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte. 46 Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. 47 Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.
Evangelium: Johannes 20,19-31
19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
24 Thomas, der Dídymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.
Predigt: Berührende Nähe – Thomas und die junge Gemeinde
Am Sonntag nach Ostern lenken die Lesungen unseren Blick auf die jungen christlichen Gemeinden, von denen in der Apostelgeschichte berichtet wird. Die ersten Christen suchten nach einer alternativen Lebensform, geprägt von Gewaltfreiheit und Besitzlosigkeit. Das Interessante daran ist, dass diese beiden Haltungen zusammenhängen: Privater Besitz schafft Neid und Konkurrenz, er muss verteidigt werden und wird so zu einer Hauptursache menschlicher Gewalt. Erhellend ist hier die Herkunft des Wortes „privare“ – es bedeutet wörtlich übersetzt „berauben“.
Die ersten christlichen Gemeinden entschieden sich daher für eine neue Lebensform ohne privaten Besitz: „Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte“ (Lk 2,44f). Nicht der Besitz zählt, sondern die Beziehung: Allen ist alles gemeinsam – und dies nicht infolge einer bestimmten sozialrevolutionären Einstellung, sondern aufgrund des Glaubens, dass allein Gott der wahre Reichtum ist, der alle erfüllt und untereinander verbindet.
Der Verzicht auf privaten Besitzt wird also erst möglich durch den gemeinsamen Glauben. Doch wie komme ich dahin? Wie „stark“ muss mein Glaube sein, um so leben zu können? In der Apostelgeschichte werden die „Stärkungsmittel“ benannt: Festhalten an der Lehre Jesu, an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes, am Gebet. Zweimal ist im Text vom Brechen des Brotes die Rede. Der Priester und Autor Andreas Knapp schreibt in seinem Buch „Lebensspuren im Sand“ (S. 156 f.) : „Das Teilen setzt das Brechen voraus und macht mir klar: Wir können von uns nur das weitergeben, von dem wir uns getrennt haben. Dieses Durchtrennen und Verteilen des Eigenen ist oft schmerzlich. Doch es kommt zu keiner wirklichen Begegnung mit dem Du, wenn nicht zuvor die eigene harte Schale zerbricht. Freunde können keinen gemeinsamen Weg finden, wenn sie nicht bereit sind, die eigenen Wünsche und Pläne zur Disposition zu stellen. Es gibt keine Liebe ohne das Öffnen des eigenen Herzens.“
Mit diesem Gedanken bin ich bei der Begegnung von Jesus und Thomas: Mir scheint, dass erst in der erlebten Begegnung mit Jesus die „harte Schale“ bei Thomas zerbricht und sein Herz sich öffnen kann für die Liebe Jesu. Vermutlich sind es solche Erfahrungen der berührenden Nähe Jesu, die viele Christen in den frühen Gemeinden gemacht haben. Dadurch war es ihnen möglich, eine neue Lebensform zu wagen. Lassen auch wir diese berührende Nähe Jesu zu! Vielleicht entwickelt sich daraus auch etwas in unseren Gemeinden …