von Pastor Stefan Krinke

Ersttestamentliche Lesung: Jesus Sirach 3, 17-18.20.28-29
17 Mein Sohn, bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst geliebt werden von anerkannten Menschen! 18 Je größer du bist, umso mehr demütige dich und du wirst vor dem Herrn Gnade finden! 20 Denn groß ist die Macht des Herrn, von den Demütigen wird er gerühmt. 28 Es gibt keine Heilung für das Unglück des Hochmütigen, denn eine Pflanze der Bosheit hat in ihm Wurzel geschlagen. 29 Das Herz eines Verständigen wird einen Sinnspruch überdenken und das Ohr des Zuhörers ist die Sehnsucht des Weisen.
Evangelium: Lukas 14,1.7-14
1 Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau. 7 Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen: 8 Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du, 9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen. 10 Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen. 11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. 12 Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich wieder ein und dir ist es vergolten. 13 Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. 14 Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.
Predigt: Bescheidenheit ist eine Zier…
Würde an diesem Sonntag ein der Bibel unkundiger Mensch die Texte der ersten Lesung und des Evangeliums lesen, würde er vielleicht mit dem Kopf schütteln und sagen: „Die Christen haben als Grundlage ihres Glaubens ein Buch in der Art eines Knigge. Darin sind Verhaltensregeln beschrieben wie z.B. die Bescheidenheit im Buch Jesus Sirach oder das Verhalten bei Tisch im Lukas-Evangelium.“ Ist das Christentum eine Religion zum rechten Verhalten im Leben – und Jesus eine Art Benimm-Berater? Ich denke, so ganz Unrecht hätte jener Mensch nicht: Die heutigen Texte sprechen wirklich in dieser Weise. Hinzu kommt, dass auch unsere Erziehung oft von solchen Regeln geprägt ist. Sie finden Anwendung bei Feiern, bei Gesellschaften und nicht selten auch in der Kirche.[1]
In unserem Alltag begegnet uns allerdings viel häufiger ein ganz anderer Spruch: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“ In unserer Welt, so scheint es, hat Bescheidenheit keinen Platz. Da zählt das Von-Sich-Reden-Machen, da muss eine Mücke zum Elefanten werden, damit man sich Gehör verschafft. Es ist die Konsequenz unseres westlichen Wirtschaftssystems: Wer etwas verkaufen möchte, muss sich etwas einfallen lassen. Und er muss dick auftragen, um im Chor der Mitanbieter bestehen zu können. Bescheidenheit wäre da das Letzte.
Bei einer Recherche im Internet, woher die eben zitierte Redewendung eigentlich stammt, stoße ich auf der Website des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberatungen zufällig auf einen Text von Barbara Strehlau mit dem Titel „Bescheidenheit im Führungsalltag“.[2] Darin lese ich zu meiner Überraschung ganz andere Gedanken. Da heißt es: „Interessanterweise wurde in den letzten Jahren ein immer größerer Fokus darauf gelegt, Führung und Demut miteinander in Verbindung zu setzen.“ Es ist von einem Spagat zwischen den Bedürfnissen des Marktes und den individuellen Bedürfnissen der Mitarbeiter die Rede, dem eine Führungskraft gerecht werden muss. Und es werden Erkenntnisse der Hirnforschung referiert, nach denen soziales Verhalten in unserem Gehirn angelegt ist.
Doch bleiben wir noch ein bisschen beim biblischen Jesus und seinem Verhalten: Jesus war gewiss kein Asket wie etwa Johannes der Täufer. Wir finden ihn häufig bei Hochzeiten oder festlichen Tischrunden. Es scheint, als ob er diese Gesellschaften sucht, um auch dort mit Menschen im Gespräch zu sein. Will er auf sich aufmerksam machen? Ich meine ja – doch es geht ihm dabei nicht so sehr um seine Person. Vielmehr hat er etwas anzubieten, das alle gängigen Dimensionen übersteigt: die Botschaft vom Reich Gottes. Diese Botschaft beinhaltet unter anderem einen guten Umgang der Menschen untereinander. Um sie den Menschen nahe zu bringen, studiert Jesus ihr Zusammenleben. Er durchschaut ihre alltäglichen Praktiken und hält mit Kritik nicht hinter dem Berg. Denn sein Blickwinkel ist ein anderer: Er vergleicht das augenblicklich stattfindende Mahl mit einem Gastmahl bei Gott.
Manches ist aus der Welt Jesu zu übertragen, z.B. dass es überhaupt ein Festmahl gibt mit Gastgebern und Gästen. Manches allerdings ist anders: Der größte Unterschied ist wohl bereits bei der Einladung auszumachen: In den gesellschaftlichen Kreisen lädt man sich üblicherweise reihum ein; seinesgleichen, manchmal auch den Vorgesetzten. Und aus denselben Kreisen erhält man auch Einladungen. Aber Arme, Behinderte, Blinde und Lahme, Menschen vom Rande der Gesellschaft an seinen Tisch zu holen, wie Christus es vorschlägt, ist doch eher selten. Doch gerade ein solches Verhalten lobt Christus und bringt uns selbst in Verlegenheit, wenn wir daran unser eigenes Handeln messen. Ich glaube, dass es bisweilen gut ist, dieses Unbehagen wahrzunehmen. Denn es macht die herausfordernde Botschaft des Evangeliums bis heute deutlich, der wir selbst nicht im vollen Maße entsprechen.
Übrigens schließt der oben erwähnte Artikel „Bescheidenheit im Führungsalltag“ mit folgendem Fazit: „Es ist wie häufig im Leben – die „alten“ Sprüche bergen dann doch so einiges an Wahrheit – die Bescheidenheit und Demut ist also gewissermaßen in uns angelegt – es kommt nur darauf an, wie sie genutzt und den äußeren Umständen entsprechend angepasst wird.“ Wenn das nicht mal zutiefst jesuanisch ist …
[1] Ein Beispiel für Bescheidenheit in der Kirche: Die erste Bank füllt sich meistens am Schluss.
[2] https://www.bdu.de/fachthemenportal/hr-management/bescheidenheit-ist-eine-zier-wie-viel-davon-ist-im-fuehrungsalltag-moeglich/