von Pastor Stefan Krinke

Evangelium Mt 22, 34–40
In jener Zeit, 34 als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen. 35Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister,
36 welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? 37Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. 38Das ist das wichtigste und erste Gebot. 39Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 40An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Predigt
„Sei mutig und stark“ (J0s 1,6)
Das Plakat zum Weltmissionssonntag mit den beiden Ordensschwestern, die im flachen Wasser gehen, hat mich angesprochen. Es sind die Schwestern Marie und Aurélie aus dem Fischerdorf Kimony auf Madagaskar, so lese ich es aus den Unterlagen.
Es sieht nach heiler Welt, Erholung und Urlaub aus. Dabei zählt Madagaskar zu den ärmsten Ländern der Welt. Das Plakat möchte darauf und auch auf unsere Verantwortung für die Menschen dort aufmerksam machen. Das Bild mit dem Text: „Sei mutig und stark“ macht es auf eine sehr einladende Weise. Wann haben Sie schon mal Ordensschwestern im Habit an der Ostsee so voller Freude und ohne Rücksicht auf das Wasser planschen sehen? Sie genießen es – diesen Augenblick. Vielleicht „tanken“ sie Sonne, die frische Luft der See, das kühlende Nass – um dann „mutig und stark“ sich den vielen Problemen des Alltags, den Nöten der Ärmsten der Armen wieder zuzuwenden.
In jedem Jahr begehen wir den Weltmissionssonntag auf der ganzen Welt für die ganze Welt. Es ist die größte Solidaritätsaktion von Katholiken für Katholiken. Selbst zu tiefsten DDR-Zeiten fanden Aufkleber für diesen Sonntag den Weg in den Osten und ich klebte sie gern auf meine Gitarre.
An diesem Sonntag fragen wir auch mit dem Gesetzeslehrer im Evangelium: „Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?“ (Mt 22,36)
Wir alle kennen gut die Antwort Jesu. Ich finde es immer bemerkenswert, wenn jemand mit wenigen Worten einen umfangreichen Text präzise und genau „auf den Punkt“ bringen kann. Jesus macht es mit diesen umfänglichen jüdischen Gesetzesvorschriften und rückt neben der Gottesliebe die Nächstenliebe ins Blickfeld.
In der Liebe zu Gott geht jede und jeder Glaubende seinen je eigenen Weg. Für mich ist es ein Weg der persönlichen Beziehung. Er ist in der Regel weder sichtbar oder messbar. Eine jede und ein jeder wird zwar zu einer grundsätzlichen Glaubensentscheidung heraus-gefordert, darf aber immer frei wählen wie er oder sie diese Beziehung gestalten will. „Kirchliche Gesetzesvorschriften“ haben darauf hoffentlich keinen Einfluss.
Doch wie ist es mit dem Gebot der Nächstenliebe? Sie geschieht sichtbar, ist konkret, fordert meine Entscheidung – vielleicht von „Angesicht zu Angesicht“ heraus. Am Schicksal des Menschen neben mir nehme ich teil, egal, ob er oder sie im Nachbarhaus oder auf Madagaskar lebt. Und für diese „Liebe zum Nächsten“ benötigt wohl jede und jeder den Zuspruch aus dem Buch Josua „Sei mutig und stark!“ Denn er kann helfen, den eigenen Egoismus zu überwinden.
Gerade hatte ich ein Taufgespräch und die Eltern haben sich dieses Bibelwort als Taufspruch für ihren Sohn ausgewählt. Zufall? Für die Eltern nicht. Neben der Freude über die Geburt sehen sie auch auf die vielen Unwägbarkeiten, die das Leben mit sich bringt und bringen wird. Sie wünschen sich, dass ihr Kind die nötige Kraft erfährt, gut in das Leben zu kommen. Sie tun es als Eltern und bestimmt auch aufgrund der Liebesgebote Jesu. Ihnen ist klar: Wer daraus leben kann wird stark und immer auch irgendwie mutig…