Predigt zum 6. Sonntag im Jahreskreis

von Diakon Tobias Riedel

Foto: Michael Bogedain / pfarrbriefservice.de

 

Erste Lesung: Sirach 15,15-20

15 Gott gab den Menschen seine Gebote und Vorschriften. Wenn du willst, wirst du die Gebote bewahren und die Treue, um wohlgefällig zu handeln. 16 Er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt, was immer du erstrebst, danach wirst du deine Hand ausstrecken. 17 Vor den Menschen liegen Leben und Tod, was immer ihm gefällt, wird ihm gegeben. 18 Denn groß ist die Weisheit des Herrn, stark an Kraft ist er und sieht alles. 19 Seine Augen sind auf denen, die ihn fürchten, und er kennt jede Tat des Menschen. 20 Keinem befahl er, gottlos zu sein, und er erlaubte keinem zu sündigen.

 

Evangelium: Matthäus 5,17-37

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. 18 Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. 19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe! 25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist! Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen. 26 Amen, ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.

27 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. 28 Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. 29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. 31 Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. 32 Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.

33 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. 34 Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, 35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! 36 Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. 37 Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.

 

Predigt

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

Ich erinnere mich noch gut an eine Situation in der Fahrschule, damals, vor 35 Jahren, als ich den Führerschein machte. In der ersten Theoriestunde las uns der Fahrlehrer den ersten Paragraphen der Straßenverkehrsordnung vor:

Wer am Straßenverkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet, behindert oder belästigt wird.[1]

Dann sah er uns an und sagte: Damit ist eigentlich alles gesagt … Der Mann hatte Recht: Alle folgenden Bestimmungen sind nur Konkretisierungen dieser Grundregel. Wenn sich alle an sie halten würden, wäre der Straßenverkehr die reinste Freude.

An diese Begebenheit musste ich denken, als ich das heutige Evangelium las. Denn es gibt eine gewisse Parallelität. Die Straßenverkehrsordnung umfasst 53 Paragraphen, teils mit etlichen Absätzen, sowie vier Anlagen. Ein umfangreicher juristischer Text, bei dem man rasch das Wesentliche aus dem Blick verlieren kann. Damit das nicht geschieht, hat der Gesetzgeber quasi als Lesehilfe den eben zitierten Satz vorangestellt, der auf den Punkt bringt, worauf es wirklich ankommt.

Im heutigen Evangelium, das der Bergpredigt entnommen ist, geht es um das jüdische Gesetz. Es ist noch weit umfangreicher als unsere StVO, es umfasst 613 Gebote. Hier kann man erst recht leicht den Überblick verlieren. Damit das nicht geschieht, erklärt Jesus seinen Zuhörern wieder und wieder, worauf es ankommt. Mit mäßigem Erfolg: Der ganze Konflikt mit den Pharisäern fußt darauf, dass man ihm vorwirft, er wolle das Gesetz abschaffen. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: Jesus bekennt sich ausdrücklich zum jüdischen Gesetz[2], ja: er verschärft es zum Teil sogar in bisher ungeahnter Weise. Wir haben es gerade gehört: Dreimal zitiert Jesus im heutigen Evangelium das Gesetz – und überbietet es sogleich durch eine noch anspruchsvollere Forderung. Dreimal[3] heißt es: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist – ich aber sage euch …

Erst gegen Ende des Matthäus-Evangeliums, quasi als Resümee aller Konflikte mit den Pharisäern, gibt Jesus uns eine prägnante Lesehilfe für das jüdische Gesetz, das ja auch unser christliches Denken bis heute beeinflusst. Sie alle kennen die berühmte Stelle. Da heißt es:

Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen. Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.[4]

Woher nimmt Jesus die Kühnheit, eine derartige Priorisierung vorzunehmen? Ganz offensichtlich ist er der Ansicht, dass das jüdische Gesetz „auf die Mitte seiner [Jesu] Verkündigung hin“[5] gelesen und befolgt werden will – und die Mitte aller Verkündigung Jesu ist ohne Frage sein ein-eindeutig positives Gottesbild. Jesus ist überzeugt: Gott ist nicht der Erbsenzähler, der erst Gebote erlässt und dann streng über ihre Einhaltung oder Nicht-Einhaltung wacht. Gott ist nicht der strenge Richter, der belohnt und bestraft. Nein, der Gott Jesu lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.[6] Denn er, unser himmlischer Vater[7], liebt alle Menschen eben wie ein Vater oder eine Mutter ihre Kinder liebt – und noch viel mehr. Dieses ein-eindeutig positive Gottesbild Jesu ist die Herzmitte seiner Verkündigung. Erst dieses Gottesbild macht seine Botschaft zum Evangelium, zur frohen Botschaft.

Seit Jesus als Mensch unter Menschen auf dieser Erde lebte, sind zweitausend Jahre vergangen. Inzwischen hat sich, geführt von Gottes Geist, die Kirche entwickelt. Konzilien haben getagt, Synoden haben beraten, Dogmen wurden verkündet. Der Katechismus der katholischen Kirche umfasst in seiner deutschen Übersetzung 824 eng bedruckte Seiten. Ganz zu schweigen vom Kirchenrecht, dem Codex Iuris Canonici, das sage und schreibe 1.752 Paragraphen umfasst. Im Vergleich dazu erscheint das jüdische Gesetz geradezu übersichtlich … Das komplexe Lehrgebäude, das in zweitausend Jahren Kirchengeschichte entstanden ist, mag seine Berechtigung haben – doch eben wegen seiner Komplexität birgt es auch Gefahren: Was ist zentral und was nachrangig? Was ist unaufgebbarer Glaubensschatz und was unterliegt zeitlichen  oder kulturellen Einflüssen, ist also veränderbar? Diese Fragen sind heute so drängend wie damals. Leicht kann man den Überblick verlieren: Nachrangiges wird dann für wesentlich erklärt und umgekehrt. Im Laufe der Kirchengeschichte ist es immer wieder zu solchen Fehleinschätzungen und Fehlentwicklungen gekommen, auch in unseren Tagen.

Was kann uns in dieser Situation als Lesehilfe dienen? Woran können und müssen wir uns orientieren? Die Antwort, liebe Schwestern und Brüder, liegt auf der Hand, meine ich: Erstens muss das ganze kirchliche Gesetz dem ein-eindeutig positiven Gottesbild Jesu standhalten. Dahinter gibt es kein Zurück, denn es gibt kein anderes Evangelium[8] als die frohe Botschaft Jesu. Und zweitens gilt die gleiche Antwort weiterhin, die der Mann aus Nazareth schon damals den Pharisäern gab:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

An diesen beiden Geboten hängt der ganze Katechismus und das ganze Kirchenrecht.

Amen.

[1] StVO §1 Abs. 2

[2] Mt 5,17

[3] Mt 5,21f / Mt 5,27f / Mt 5,33f

[4] Mt 22,34-40

[5] P. Reinhard Körner OCD

[6] Mt 5,45

[7] Mt 5,48

[8] vgl. Gal 1,6-9

<< zurück zu Ansverus-News 2026-4