von Gemeindereferentin Judith Zehrer

Psalm 23, 1-6
1 Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. 2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen. 4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher. 6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des Herrn für lange Zeiten.
Johannes 10, 1-10
In jener Zeit sprach Jesus:
1 Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. 2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. 3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. 4 Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. 5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. 6 Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
7 Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. 9 Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. 10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Impuls
Gott will uns herausführen auf die Weide. Er schenkt uns einen Ruheplatz am Wasser. Er salbt unser Haupt mit Öl und tröstet uns. Übervoll ist unser Becher. Gott sorgt für uns. Immer. Wir können auf ihn zählen. Er hat uns auf dieser Erde alles geschenkt, was wir brauchen.
Aber wir meinen, wir brauchen noch mehr. Und ich sage es noch überspitzter: Wir folgen dem Hirten nicht mehr. Dem, der uns alles geben möchte, das Leben in seiner ganzen Fülle. Lieber gehen wir unsere eigenen Wege. Es klappt ja auch so. Denken wir.
Wir fahren heute viel mit dem Auto, wir fliegen Flugzeug oder essen Erdbeeren im Winter. Nur weil es das gibt. Wenn ich Geld habe, kann ich mir alles kaufen und leisten, worauf ich gerade Lust habe. Das ist so. Jeder macht das so, heute.
Aber ist das das Leben in Fülle?
Papst Franziskus hat schon 2015 in seiner Enzyklika „Laudato Si“ die Menschheit und ganz besonders uns Christen dazu aufgerufen, für unser gemeinsames Haus – die Erde – zu sorgen. Schon im ersten Kapitel der Bibel steht, dass wir Menschen es sind, die das Gleichgewicht der Schöpfung hüten sollen. Denn Gott hat alles, was ist, im Einklang erschaffen. Er hat es gut erschaffen. Und er hat es in unsere Hände gelegt. Diese eindringlichen und eindeutigen Worte könnten uns mitten ins Herz treffen und aufwecken. Tun sie das?
In Deutschland ist der Weltüberlastungstag mittlerweile auf Anfang Mai vorgerückt. Das heißt, wir haben hier in Deutschland bis zu diesem Tag alle Ressourcen verbraucht, die eigentlich für das ganze Jahr reichen sollten. Ab nächster Woche leben wir auf Kosten aller kommenden Generationen, verbrauchen die Ressourcen, die sie zum Leben brauchen werden. Im internationalen Durchschnitt liegt der Tag Ende Juli. Auch wenn wir hier in Deutschland im Vergleich schon mehr tun als einige andere Industrieländer, ist unser Ressourcenverbrauch extrem hoch und so nicht mehr verantwortbar.
Gott hat uns das Leben geschenkt. Und er will, dass wir es in seiner ganzen Fülle haben. Er will, dass es uns gutgeht. Ja, uns geht es gut. Aber das Leben in Fülle haben wir nicht. Weil wir vergessen haben, dass zum Leben mehr gehört. Es geht uns nur gut, wenn wir uns in der Schöpfung beheimatet fühlen und uns als Teil des Ganzen verstehen. Wir sind in Christus mit allem verbunden. Die Schöpfung ist eins und wenn wir uns herausnehmen und unsere eigenen Wege gehen, ohne auf den Rest zu achten, dann zerbricht das Ganze.
Am Ende von „Laudato Si“ formulierte Papst Franziskus ein „Gebet für unsere Erde“, das von dieser Verbundenheit spricht und uns dazu aufruft, nicht Räuber, sondern Beschützer zu sein:
Allmächtiger Gott,
der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist
und im kleinsten deiner Geschöpfe,
der du alles, was existiert,
mit deiner Zärtlichkeit umschließt,
gieße uns die Kraft deiner Liebe ein,
damit wir das Leben und die Schönheit hüten.
Überflute uns mit Frieden,
damit wir als Brüder und Schwestern leben
und niemandem schaden.
Gott der Armen, hilf uns,
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen,
zu retten.
Heile unser Leben,
damit wir Beschützer der Welt sind
und nicht Räuber,
damit wir Schönheit säen
und nicht Verseuchung und Zerstörung.
Rühre die Herzen derer an,
die nur Gewinn suchen
auf Kosten der Armen und der Erde.
Lehre uns,
den Wert von allen Dingen zu entdecken
und voll Bewunderung zu betrachten;
zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind
mit allen Geschöpfen
auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.
Danke, dass du alle Tage bei uns bist.
Ermutige uns bitte in unserem Kampf
für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.