von Diakon Tobias Riedel

Erste Lesung: Jer 20,10-13
Jeremía sprach:
10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können. 11 Doch der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach. 12 Aber der Herr der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut. 13 Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.
Evangelium: Mt 10,26-33
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln:
26 Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. 27 Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern! 28 Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! 29 Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. 31 Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. 32 Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. 33 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.
Predigt
Liebe Schwestern und liebe Brüder!
Ein Mensch, der in aller Öffentlichkeit seine Stimme für Gott erhebt, macht sich damit in aller Regel keine Freunde. Oft wird er ausgegrenzt, mundtot gemacht oder gar aus dem Weg geräumt. Die heutigen Lesungen aus dem Buch Jeremia und dem Matthäus-Evangelium stellen uns dies plastisch vor Augen.
Der Prophet Jeremia tritt zwischen 626 und 585 v. Chr. vor allem in Jerusalem auf. Er kritisiert mit teils drastischen Worten das Verhalten sowohl der politischen und religiösen Oberschicht als auch das der einfachen Leute: Die Priester seien Gott untreu geworden und liefen stattdessen den Baal-Gottheiten[1] nach. Die außenpolitische Orientierung des Königs auf Ägypten und Assur[2] hin sei grundfalsch und führe in die Katastrophe. Und nicht zuletzt trete soziale Ungerechtigkeit und sexuelle Ausschweifung[3] die Gebote Gottes mit Füßen. Jeremia warnt vor der zunehmenden Kriegsgefahr durch die aufsteigende Großmacht Babylon und interpretiert diese als das drohende Gericht Gottes.
Jeremias Kritik ruft den erbitterten Widerstand des Königs und der Priester hervor. Er wird bedroht, verfolgt und gerät durch hinterlistige Anschläge – teils aus der eigenen Familie – in Lebensgefahr. Aus dieser Zeit stammen seine sogenannten Konfessionen: Klagelieder, in denen er vor Gott sein Herz ausschüttet.[4]
Woher nimmt Jeremia die Kraft, seine Mission fortzusetzen, trotz aller Anfeindungen? Ich denke, in der bloßen Existenz der Klagelieder liegt die Antwort: Selbst in der größten Bedrängnis, in Todesgefahr trägt Jeremia seine Not vor Gott. Sein Gebet mag von Trauer, Verzweiflung, Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit geprägt sein – aber er betet. Modern ausgedrückt: Die Gottesbeziehung trägt auch in der Krise.
Wenn wir nun auf das heutige Evangelium schauen, bietet sich in gewisser Weise ein ähnliches Bild: Matthäus schreibt sein Evangelium in den Jahren 80 bis 90 nach Christus. Bereits damals kam es im römischen Reich immer wieder zu Christenverfolgungen, man denke nur an den Brand Roms im Jahr 64, den Kaiser Nero den Christen anlastete. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Matthäus in seinem Evangelium dieses Thema aufgreift. Er ermutigt die Mitglieder seiner Gemeinde, sich furchtlos zum Herrn zu bekennen, aller Gefahr zu Trotz. Hören wir noch einmal ein paar Sätze aus der heutigen Perikope: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern! Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Ein mutiges Bekenntnis der Christen zu ihrem Herrn werde eschatologisch also – so Matthäus – mit einem Bekenntnis Christi zum Menschen erwidert.
Die Christen setzen ihre Mission trotz aller Verfolgung fort – und zahlen dafür einen hohen Preis: Von den Aposteln etwa sterben alle außer Johannes als Märtyrer. Woher nehmen sie und unzählige andere bekannte und namenlose Märtyrerinnen und Märtyrer die Kraft dazu? Ich denke, auch hier liegt die Antwort in einer lebendigen Gottesbeziehung. Sicherlich werden sie Angst vor Folter und Sterben gehabt haben – doch das Vertrauen, dass der Tod nicht das absolute Ende, sondern ein Übergang in ein neues Leben bei Gott ist, vertreibt die Angst und lässt sie über sich hinauswachsen. „Wer sterben kann, wer will den zwingen?“, schreibt Johannes Prassek fast 1.900 Jahre später ganz in diesem Sinne in seine Ausgabe des Neuen Testaments.
Doch was geht uns das an? Nun, sehr viel, denn wir alle haben seit der Taufe Anteil am Prophetenamt.[5] Ich verstehe dies als Auftrag, uns in Wort und Tat einzumischen, wenn das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe missachtet wird. Ich nenne Ihnen drei Bereiche, in denen das meines Erachtens heute besonders angezeigt ist:
Erstens: Noch vor wenigen Jahren galt es als cool, wenn man sich für Geflüchtete engagierte. Doch der Wind hat sich gründlich gedreht, heute wird man dafür eher angefeindet. Wer heute Partei für Menschen ergreift, die in unserem Land Schutz suchen, wird bestenfalls als naiv belächelt – dabei handelt er ganz im Sinne des Menschensohns, der solidarisch mit allen Fremden ist.[6]
Zweitens: Noch vor wenigen Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, die Menschen hätten die Bedrohung durch den Klimawandel erkannt und wären bereit, ihren Lebensstil zumindest ein wenig zu ändern. Wer heute daran erinnert, dass uns die Bewahrung der Schöpfung aufgetragen ist, gilt als Spaßbremse und wirtschaftsfeindlich. Dabei äußert er sich ganz im Sinne von Papst Franziskus, der in seiner Enzyklika Laudato si‘ schreibt: „Die Berufung, Beschützer von Gottes Werk zu sein, […] gehört wesentlich zum Leben nach dem Evangelium.“[7]
Drittens gibt es auch innerhalb unserer Kirche Strukturen, die wohl eher historisch-kulturell als im Willen Gottes begründet sind. Doch wer sich in diesen Tagen etwa für die Zulassung von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern ausspricht, gilt wahlweise als Querulant oder Utopist – dabei erinnert es doch nur daran, dass die Gottesebenbildlichkeit nicht nur dem Mann, sondern dem Menschen zugesagt ist.[8]
Wir sehen: Christsein hat – richtig verstanden – immer eine politische Dimension. Wir dürfen und sollen uns einmischen, auch wenn uns dies Kopfschütteln, Spott, Kritik oder gar Hass einbringt. Dabei müssen wir peinlich darauf achten, dass wir uns immer am Vorbild Jesu orientieren. Er ist unser Maßstab – wer sonst? Mit ihm an der Seite werden auch wir die Kraft finden, unserer Mission treu zu bleiben.
Amen.
[1] Jer 2,23
[2] Jer 2,18
[3] Jer 5,7 f.
[4] Jer 11,18-12,6 / Jer 15,10-21 / Jer 17,12-18 / Jer 18,18-23 / Jer 20,7-18 (daraus stammt die erste Lesung)
[5] In der Taufe werden wir mit Chrisam gesalbt – und erhalten so Anteil am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Jesu.
[6] vgl. Mt 25,35
[7] „Wir müssen es uns eingestehen: Einige engagierte Christen bespötteln unter dem Vorwand von Realismus und Pragmatismus die Umweltsorgen. Andere sind passiv und entschließen sich nicht dazu, ihre Gewohnheiten zu ändern. Es fehlt ihnen eine ökologische Umkehr. Diese besagt, dass sie alles, was ihnen aus der Begegnung mit Jesus Christus erwachsen ist, in ihren Beziehungen zur Welt zur Blüte bringen. Die Berufung, Beschützer von Gottes Werk zu sein, praktisch umzusetzen, gehört wesentlich zum Leben nach dem Evangelium. Sie ist nichts Fakultatives. Sie ist kein sekundärer Aspekt christlichen Lebens. Wir erinnern uns an Franziskus von Assisi, der die gesunde Beziehung zur Schöpfung als eine Dimension der Umkehr des Menschen gelebt hat.“ Papst Franziskus, Laudato si’, Nr. 217 f.
[8] vgl. Gen 1,27
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