von Diakon Tobias Riedel

Evangelium: Matthäus 16, 21-27
In jener Zeit 21 begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären: Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden. 22 Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen, und sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! 23 Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.
24 Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 25 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. 26 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? 27 Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten.
Predigt
Liebe Schwestern und liebe Brüder!
Weshalb musste Jesus sterben? Diese Frage steht unausgesprochen hinter dem heutigen Evangelium. In der Predigt möchte ich dieser Frage gemeinsam mit Ihnen nachgehen.
Als Jesus etwa dreißig Jahre alt war, begann er öffentlich aufzutreten. Er zog durch Galiläa und erzählte den staunenden Menschen von Gott: Von einem Gott, der es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte.[1] Von einem Gott, der auch und gerade den Ausgestoßenen und Sündern nahe ist.[2] Von einem Gott, der die Menschen bedingungslos liebt, trotz aller Schuld.[3] Dieses Gottesbild Jesu ist die Mitte seiner Predigt, die Mitte des Evangeliums, ja: Dieses ein-eindeutig positive Gottesbild Jesu ist das Evangelium.
Doch mit dieser frohen Botschaft geriet Jesus bald in Konflikt mit den Autoritäten Israels. Zum einen häuften sich die Konflikte mit den Pharisäern. Die Pharisäer legten größten Wert darauf, das Gesetz bis zum letzten Jota zu erfüllen. Jesus aber relativiert das Gesetz, es sei für den Menschen da, nicht umgekehrt. Entscheidend sei, so Jesus, das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe – alle anderen Vorschriften seien demgegenüber sekundär. Vor allem aber zog sich Jesus den Hass der Sadduzäer zu, der Priester im Tempel in Jerusalem. Sie lebten davon, dass Tag für Tag die Menschen zum Tempel strömten und dort Opfertiere kauften, die dann ihr Leben lassen mussten, um so JHWH gnädig zu stimmen. Das war ein einträgliches Geschäft! Jesus aber entzieht mit seiner Predigt diesem Geschäftsmodell jede Grundlage. Ja, er geht sogar so weit, die Viehhändler und Geldwechsler samt ihren Kunden aus dem Tempel zu jagen.[4] Spätestens von diesem Moment an war für die Sadduzäer klar: Dieser Jeshua aus Nazareth muss weg.[5]
Irgendwann muss auch Jesus klar geworden sein, dass er mit seiner Predigt sein Leben riskiert. In jedem Dorf, in das er kommt, strömen die Menschen zusammen und hören ihm gebannt zu. Der Jüngerkreis wächst und wächst. Doch gleichzeitig nehmen die Konflikte zu. Er weiß: Unter den Zuhörern sind Spitzel, die in Jerusalem jedes Wort berichten, was er sagt. „Wenn ich so weitermache, werden sie mich töten“, wird Jesus gedacht haben.
Doch wie hätte er anders weitermachen sollen? Natürlich hätte er seine Predigt abbrechen, die Jünger nach Hause schicken und selbst als Zimmermann nach Nazareth zurückkehren können. Doch das ist für ihn keine Option – denn damit hätte er den Willen seines Vaters verraten, der eben darin besteht, das Evangelium, die gute Nachricht von der Menschenfreundlichkeit Gottes, zu verkünden.
Den Willen seines Vaters zu erfüllen ist für Jesus zentral. „Wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“[6], sagte er einmal zu seinen Zuhörern. So lehrt er seine Jünger zu beten: Dein Wille geschehe. Und auch er selbst betet genauso – noch im Garten Getsemani.
So nimmt der Leidensweg Jesu seinen Lauf. Er beginnt, seine Jünger darauf vorzubereiten. Wir haben es gerade im Evangelium gehört:
In jener Zeit begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären: Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden.
Bemerkenswert scheint mir, dass Jesus seinen Jüngern von Anfang an nicht nur die Katastrophe am Kreuz, sondern auch seine Auferweckung ankündigt. Dass er sterben muss, ist für ihn klar – ebenso aber auch, dass sein Vater ihn nicht im Tod lassen wird. Welch ein Vertrauen!
Für die Jünger muss die Ankündigung ein Schock gewesen sein. Petrus, der impulsive Hitzkopf, will das nicht akzeptieren. Er stellt Jesus zur Rede: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Ich kann seine Reaktion so gut verstehen! Er wünscht sich, dass die Jesus-Bewegung weitergeht, dass sich immer mehr Menschen Jesus anschließen, dass vielleicht so das Reich Gottes, von dem sein Herr so oft spricht, Realität wird … Und gleichzeitig wünscht er sich natürlich, dass Jesus, den er von Herzen liebt,[7] dieses furchtbare Schicksal erspart bleibt.
Doch Jesus weist ihn schroff zurück, nennt Petrus gar einen ‚Satan‘. Wieder argumentiert er, dass es wichtiger sei, den Willen Gottes zu erfüllen als menschliche Ziele zu erreichen. Und dann wendet er sich allen Jüngern zu und schreibt ihnen gewissermaßen ins Stammbuch: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Nachfolge Jesu, so scheint es, ist untrennbar mit dem Kreuz verbunden.
Nach und nach werden auch die Apostel das begriffen haben – und nach und nach hat sich dieser Satz an ihnen bewahrheitet. Sie alle starben – außer Johannes – als Märtyrer. Hunderte andere Märtyrer sind ihnen gefolgt. Ich denke an Stephanus, den ersten Märtyrer. Ich denke an Ansverus, den Patron unserer Pfarrei. Und ich denke an die Lübecker Märtyrer. In meiner Fantasie höre ich die Mutter von Johannes Prassek, die für ihren Sohn, der schon von der Gestapo bespitzelt wird, betet: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit ihm geschehen! Wie verständlich! Und doch hat ihr Sohn unverdrossen weiter polnisch gelernt, um verschleppten Zwangsarbeitern nahe sein zu können. Und er hat weiter die Predigten von Kardinal von Galen gegen das Euthanasie-Programm verbreitet – bis zu seiner Verhaftung. Denn auch für ihn war klar: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Gott sei Dank: Nicht jeder Christ stirbt am Kreuz wie Jesus oder unter dem Fallbeil wie Johannes Prassek. Die meisten von uns sterben eines natürlichen Todes. Und doch: Ganz kostenlos ist Nachfolge Jesu nie zu haben, selbst hier in Deutschland nicht, wo doch weitgehend Religionsfreiheit herrscht.
Ich möchte Ihnen eine Hausaufgabe für die Woche mit auf den Weg geben: Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden heute verhaftet, weil Sie Christ oder Christin sind … Würde man genug Beweise finden, um Sie zu überführen?
[1] Mt 5,45
[2] Mt 9,9 ff.
[3] Lk 15,11-32
[4] Mt 21,12 f.
[5] Mt 26,3 ff.
[6] Mt 12,50
[7] Joh 21,15 ff.