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Geistlicher Impuls zum 4. Sonntag im Jahreskreis

von Gemeindereferentin Judith Zehrer

Blick auf den See Genezareth in der Nähe des Bergs der Seligpreisungen. Foto: Pixabay

 

Evangelium: Matthäus 5, 1–12a

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach:

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.

Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.

Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.

 

Geistlicher Impuls

So oft haben wir die Seligpreisungen schon gehört. Ein wunderschönes Evangelium! Es tut einfach gut, es zu hören. Bis heute. Aber es tut auch gut, einmal hinter die Kulissen zu schauen, um herauszufinden, was Jesu Worte mit uns, mit mir zu tun haben.

Das Wort „selig“ benutzen wir heute nicht (mehr) so oft. Zumindest muss ich mich immer wieder neu vergewissern, was es eigentlich bedeutet. Interessant ist, dass sowohl im griechischen als auch im deutschen Wörterbuch steht, dass es in erster Linie denen zugesprochen wird, die schon verstorben sind. Sie sind bei Gott, erlöst und zutiefst glücklich. Selig sein ist etwas, das nicht von dieser Welt zu sein scheint – oder nicht in dieser Welt zu sein scheint.

Ich hingegen glaube, dass wir uns von Jesus direkt angesprochen fühlen dürfen. Wir können auch hier auf Erden selig sein! Wenn wir spüren, dass wir in Gottes Hand liegen, geborgen und gesegnet. Wenn wir den Einklang mit ihm spüren und ganz in seiner Wirklichkeit aufgehen.

Wenn man so will, zeigt Jesus uns in den Seligpreisungen die Anleitung zum Leben. Er stellt klar, dass es nicht darum geht, Karriere zu machen, Geld zu verdienen und Besitz zu erlangen. Es geht um viel mehr – oder vielleicht auch um viel weniger.

Wenn wir ehrlich sind, stellen vermutlich die meisten von uns fest, dass sie den Karriereweg im Leben verfolgt haben. Und um es noch deutlicher zu sagen: Wer diese Schritte im Leben nicht gemeistert hat, wird schnell als Versager abgestempelt.

Was Jesus uns in den Seligpreisungen ans Herz legt, ist genau das Gegenteil: Es werden die Menschen bei Gott sein, die unschuldig sind, die Trauer und Ungerechtigkeit erfahren, die gut zu anderen Menschen sind, die Frieden stiften. Wenn ich das lese und höre, denke ich immer, dass Jesus andere Menschen meint – nicht mich. Er möchte die trösten, denen es nicht gut geht, die am Rande der Gesellschaft sind – und dazu gehöre ich nicht. Die Seligpreisungen sind aber viel mehr als das. Wir können sie als Essenz des Glaubens lesen. Wenn wir danach leben, können wir Gott finden. Die Heiligen, vor allem die Märtyrer sind diesen Weg gegangen. Wir bewundern sie für ihre Glaubensstärke und denken vermutlich gleichzeitig, dass wir das nie schaffen würden und sich unsere Lebensumstände dafür nicht eignen. Dabei verlangt Jesus von uns keine großen Dinge. Er verlangt das Einfache: Sanftmütig, rein und barmherzig sein – ich glaube, dass das in jedem von uns angelegt ist und dass wir in der Tiefe unserer Seele danach streben. Wenn wir uns darauf besinnen und diese Haltung unserem Tun zugrunde legen, dürfen wir alles andere lassen. Dann wird Vieles irrelevant. Dann ist es auch nicht schlimm, wenn wir in den Augen der anderen versagen, denn Jesus verspricht uns das Himmelreich. Paulus formuliert es so: „Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt,
um das Starke zuschanden zu machen.“

Schauen wir auf den ersten Satz, den Jesus sagt: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Der griechische Text ist noch drastischer: Jesus spricht hier von „bettelarm“ und „zum Geist hin“. Selig sind die, die sich bettelarm hin zum Heiligen Geist wenden.

Ein Bettler möchte niemand sein. Ein Bettler ist jemand, der es nicht geschafft hat im Leben. Er bettelt, weil er nichts hat, er ist auf andere angewiesen, er ist schwach und wartet auf eine Gabe, weil er keine andere Möglichkeit hat, am Leben zu bleiben.

Wenn wir uns leer machen, unsere Hände öffnen, geduldig warten und uns bewusst machen, dass wir ohne Gott nur ein halbes Leben führen, dass wir nur mit Gott vollkommene Menschen sind, wenn wir uns arm machen und von all dem befreien, das uns von Gott fernhält und uns in dieser Haltung Gott zuwenden, dann kann er uns beschenken.

Gott schenkt nicht nur den anderen Menschen Seligkeit, sondern auch dir und mir. Wenn ich arm und einfach vor ihm stehe (und das heißt gleichzeitig vor dem Anderen, die mir täglich begegnen), dann wird uns alles, wirklich alles geschenkt. Denn mehr als selig kann man nicht sein.

Seligkeit, denke ich, ist das Ziel des Seins. Um es zu erreichen, muss ich den Weg zurück gehen zu mir selbst und nachspüren, wo sie schlummert: meine Barmherzigkeit, meine Sanftmut, meine Reinheit, mein Sinn für Gerechtigkeit, meine Trauer. Und dann kann ich nochmal von vorne anfangen. Ich mache mich dadurch vielleicht verletzlich, aber so werde ich offen für Gottes Wirken in mir.

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