von Gemeindereferentin Monika Tenambergen

Evangelium Mt 11, 25–30
25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.
26 Ja, Vater, so hat es dir gefallen. 27 Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn,
nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn
und der, dem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. 29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir;
denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. 30 Denn mein Joch ist sanft
und meine Last ist leicht.
Frei werden
Vor kurzem war ich auf Malta – zu Besuch bei einer Gemeinde der Missionary Society of St. Paul (MSSP). Wie wir aus der Apostelgeschichte wissen, erlitt Paulus auf seiner Reise als Gefangener auf dem Weg nach Rom Schiffbruch vor Malta. Nach ihrer Rettung wurden die Gestrandeten von der einheimischen Bevölkerung ungewöhnlich freundlich empfangen und einige Zeit beherbergt, bevor sie ihre Reise nach Rom fortsetzen konnten. Etwa drei Monate soll Paulus auf der Insel geblieben sein.[1] In dieser Zeit verkündete er den Maltesern den Glauben an Jesus Christus. Kein Wunder also, dass er zum Schutzpatron der Insel wurde und sein Name – wie im Namen dieser Ordensgemeinschaft – bis heute überall präsent ist.
Auch ich war auf den Spuren des Hl. Paulus unterwegs.
An diesem Abend, nach einem Tag voller neuer Eindrücke, betrete ich durch die weit geöffnete Tür die Kirche in der Triq San Giljan.
Im Gegensatz zu den meisten Kirchen Maltas, die vom überreichen Gold des Barocks geprägt sind, strahlt dieser Raum eine wohltuende Ruhe und Schlichtheit aus. Sofort fällt mein Blick auf die lebensgroße Ikone des Christus Pantokrator in der Apsis. Ein goldener Mosaikstreifen im Fußboden führt vom Portal geradewegs auf ihn zu. Es ist, als ziehe er mich zu sich – als hätte er die ganze Zeit auf mich gewartet.
Noch bevor ich einen Platz suche, begegnet mir sein Blick. Voller Güte und Barmherzigkeit schaut er mich an. Er segnet mich mit seiner erhobenen rechten Hand,[2] und in seiner linken hält er das aufgeschlagene Buch mit den Worten aus dem Evangelium:
„Kommt alle zu mir, die ihr euch mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“[3]
Sein Blick, sein segnender Gruß, sein einladendes Wort empfangen mich wie eine persönliche Zusage: „Du bist willkommen. Komm mit allem, was dich bewegt und beschäftigt.“ Und ich spüre: hier ist ein Ort der Begegnung, des Trostes und der Ruhe – ein Ort, an dem ich einfach da sein darf. So, wie ich gerade bin, darf ich zu ihm kommen und mich ausruhen. Wie gut das tut!
An diese Erfahrung musste ich beim Lesen des heutigen Evangeliums denken. Doch das Wort Jesu endet nicht mit der Einladung. Es geht weiter:
„Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ [4]
Auch wenn Jesus von einem sanften Joch spricht, klingen diese Worte für mich zunächst wie ein Widerspruch zu seiner tröstlichen Einladung zuvor. Ein Joch tragen – damit verbinde ich harte Arbeit, Schuften und Unterdrückung. Wir sprechen ja sogar von Unterjochung. Doch genau das scheint Jesus nicht zu meinen.
Jesus war Jude, und wenn er dieses Wort verwendet, greift er auf eine vertraute Tradition zurück. Vor diesem Hintergrund erhält das Wort „Joch“ eine ganz andere, positive Bedeutung. Denn bereits in der Weisheitsliteratur der Bibel begegnet uns das „Joch der Weisheit“. [5] Das „Joch der Tora“ (hebräisch: ʿol ha-Tora) [6] ist in der jüdischen Tradition tief verwurzelt. Dabei wird die Tora nicht als Last verstanden, sondern als kostbare Gabe Gottes, die Orientierung, Weisheit und Leben schenkt. Immer wieder besingen die Psalmen die Freude an Gottes Weisungen[7], und mit Simchat Tora kennt das Judentum sogar ein eigenes Fest der Freude über die Tora.[8] Unter das „Joch des Himmelreichs“ (hebräisch: ʿol malkhut shamayim) stellt sich, wer Gottes Herrschaft anerkennt und sich freiwillig an ihn bindet, um aus dieser Beziehung heraus nach seinem Willen zu leben. Wenn Jesus nun sagt: „Nehmt mein Joch auf euch“, fordert er uns nicht auf, möglichst viel zu leisten oder uns selbst zu erniedrigen. Er lädt uns vielmehr ein von ihm zu lernen und unter seiner Führung zu leben.[9]
Sein Wesen ist Sanftmut und Barmherzigkeit. Er ist gütig und von Herzen demütig[10] und seine Demut besteht darin, dass er sich in seiner ganzen Person mit dem Vater verbunden und in ihm gegründet weiß.[11]
Jesus verspricht: wer sich an ihm orientiert, wer sein Joch auf sich nimmt und sich an ihn bindet, findet Ruhe. Er wird frei von der Sorge um sich selbst, weil er darauf vertraut, dass allem menschlichen Mühen Gottes liebevolle Zuwendung bereits vorausgeht. Es geht nicht um Leistung und nicht um Selbsterniedrigung, sondern um die Erkenntnis, dass wir uns als Gottes Geschöpfe ganz und gar ihm verdanken und in der Beziehung zu ihm Ruhe für die Seele finden.
Ich gehe in meinen Gedanken noch einmal zurück in die Kirche in der Triq San Giljan. Vor mir in der Apsis erhebt sich die große Ikone des Christus Pantokrator. Ich gehe näher auf sie zu. Ich schaue Christus in die Augen. Sein Blick ruht auf mir. Er lädt mich ein, bei ihm zu sein. Ich setze mich und bleibe.
[1] Apostelgeschichte, Kapitel 28
[2] In der ostkirchlichen Tradition vergegenwärtigen Ikonen das göttliche Geheimnis, das sie abbilden, ähnlich wie die Osterkerze in der westkirchlichen Tradition den auferstandenen Christus vergegenwärtigt.
[3] Mt 11,28
[4] Mt 11, 29-30
[5] Sir 6,24-30
[6] Die ersten fünf Bücher der Bibel werden im Jüdischen die Tora genannt. Sie enthält die Weisungen Gottes und wird noch heute als kostbar geschmückte Torarollen in der Synagoge in einem besonderen Schrein aufbewahrt.
[7] Vgl. Psalm 119
[8] Am Fest Simchat Tora werden die Torarollen tanzend durch die Synagoge getragen.
[9] Unter ein Joch wurden meist zwei Ochsen gespannt, wovon der erfahrenere von beiden als Leitochse die Führung übernahm und die Spur hielt, während der jüngere und unerfahrenere von seinem Partner lernte.
[10] Mt 11,29
[11] Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden. Mt 11,27a