Pfingstpredigt

von Diakon Tobias Riedel

Das hebräische weibliche Wort ‚Ruach‘ bedeutet wörtlich übersetzt ‚Wind‘ oder ‚frische Luft‘. Es bezeichnet im Tanach – unserem Ersten Testament – Gottes Geist, der weht, wo er will.

Erste Lesung: Apostelgeschichte 2, 1-11

1 Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. 2 Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. 4 Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. 5 In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. 7 Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? 8 Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: 9 Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, 10 von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.

 

Evangelium: Johannes 20, 19-23

19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

 

Predigt

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

In der Predigt heute möchte ich sieben Gedanken zum Heiligen Geist mit Ihnen teilen. Nichts davon ist neu – doch ich denke, es ist gut, sie sich immer wieder in Erinnerung zu rufen:

Erstens: Gerade haben wir zwei Pfingstberichte gehört. In der Lesung aus der Apostelgeschichte hieß es: „Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“[1] Und im Evangelium wird berichtet, dass Jesus die Jünger anhaucht und dann zu ihnen sagt: „Empfangt den Heiligen Geist!“[2] Wir sehen: Wir feiern heute kein einmaliges Ereignis. Nein, Pfingsten ereignet sich immer wieder – es ist ein tägliches, permanentes Geschehen.

Zweitens: Pfingsten bedeutet: Gott teilt sich mit. Sein Heiliger Geist spricht zu uns – er tröstet, ermutigt und bestärkt, schenkt Weisheit und Einsicht, weist Wege zu Versöhnung und Frieden. Aber: Wie spricht Gott zu uns? Wir können seine Stimme nicht hören, so wie Sie mir jetzt zuhören. Nein, Gott spricht eher durch einen neuen Gedanken zu uns, der auf einmal in uns aufsteigt – durch eine innere Stimme, die wir plötzlich vernehmen – durch einen Impuls, dies oder das zu tun oder zu lassen.

Drittens: Trotzdem sprechen manche Zeitgenossen vom Schweigen Gottes. Angesichts all der Krisen und Katastrophen unserer Tage habe sich Gott zurückgezogen und seine Schöpfung samt Menschheit sich selbst überlassen. Ich halte das für groben Unsinn. Wenn man die leise Stimme Gottes nicht hört, muss das ja nicht daran liegen, dass er schweigt. Für viel wahrscheinlicher halte ich, dass unsere Ohren verstopft sind, dass wir das Hören verlernt haben.

Viertens: Wer die Stimme des Geistes hören – und damit Pfingsten erleben – will, muss also ein Hörender werden. Das ist ein lebenslanger Prozess. Immer wieder gilt es, in die Stille zu gehen und die Frage zu stellen: Was hast Du, Gott, mir zu sagen? Momente der Stille im Tagesablauf, eine Pilgerreise oder Exerzitien in einem Kloster können dabei eine große Hilfe sein. Das ist nicht nur etwas für spirituelle Überflieger, sondern für alle Christen, ja: für alle Menschen.

Fünftens: Für alle Menschen habe ich gesagt – und das sehr bewusst. Denn Gott spricht nicht nur zu uns Christen, sondern zu all seinen Menschen. In der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte wird dies durch die sogenannte Völkerliste[3] ausgedrückt. Natürlich wird ein Agnostiker einen Impuls zum Guten nicht als Stimme Gottes deuten – doch auch er ist empfänglich für Gottes Weisheit. Der Wind, die Ruach Gottes, sein Geist weht, wo er will, heißt es.[4] Gott sei Dank ist das so – wie wäre sonst eine Verständigung zwischen Glaubenden und Nicht-Glaubenden möglich?

Sechstens: Pfingsten wird manchmal einzeln, manchmal in Gemeinschaft erlebt. Manchmal reift eine Einsicht in aller Stille in uns, im Schweigen geht uns plötzlich ein Licht auf und wir erkennen den nächsten Schritt, der vor uns liegt. Manchmal aber – wie in der heutigen Lesung – sind es auch Erlebnisse in Gemeinschaft, die uns Mut machen und neue Kraft geben, etwa ein Gottesdienst, in dem der Funke überspringt. Ich denke zum Beispiel an die Begeisterung der Jugendlichen aus unserer Pfarrei, die in den Osterferien in Taizé waren.

Siebtens: Pfingsten bringt Menschen in Bewegung. Deshalb gehört ein Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst eigentlich abgeschafft. Stellen Sie sich das mal vor: Die Parther, Meder und Elamiter und all die anderen Menschen aus aller Herren Länder sind außer sich, denn sie hören die Apostel in ihrer Muttersprache Gottes große Taten verkünden. Doch dann ziehen sich die Apostel ins Gemeindehaus zurück und trinken erst mal Kaffee. Ein groteskes Bild! Verstehen sie mich nicht falsch: Ich gönne Ihnen Ihren Kirchenkaffee. Aber es kann nicht sein, dass eine christliche Gemeinde sich zum Gottesdienst versammelt, danach aber nicht ins Handeln kommt! Wir erfahren Gottes Geist ja nicht, damit es uns warm wird ums Herz – sondern wir haben einen Auftrag für die Gesellschaft.[5] Christsein bedeutet deshalb immer beides, Kontemplation und Aktion: Erst Rückzug in die Stille – um dann, gestärkt von Gottes Geist, Gottes Liebe in der Welt zu bezeugen. Notfalls mit Worten – besser noch mit Taten.

Amen.

[1] Apg 2,4

[2] Joh 20,22

[3] Apg 2,9-11

[4] Joh 3,8

[5] vgl. 1 Kor 12,7

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